Organisiert von Prisca Würgler, Gründerin von Graswurzle
aber auch Mitgründerin von der interessanten Urig-Bewegung, die dann aber ohne sie eigene Wege gegangen ist bzw. geht.
Wir als Politkonsumenten
und -Interessenten dürfen dankbar sein, dass es Veranstaltungen gibt, die uns wenigstens sporadisch einigermassen vereinen und uns das Gefühl geben: Da herrscht Mitsprache, da besteht Meinungsaustausch und da kommen gleich- oder ähnlich-Gesinnte zusammen, um Alternativen zu unserer politisch verkorksten, überorganisierten und disziplinierenden Staatsgewalt weg zu kommen, hin zu einem mitmenschlichen, fairen, gleichberechtigten Umgang.
Allerdings könnte man dann fragen, muss es gerade Anarchie sein? Muss es gerade die schräge Schindler sein, die uns da Vorgaben und Denkanstösse machen soll? Immerhin, eine an sich vermutlich kluge Frau, zumindest mit lauter Stimme und einiger Kompetenz, auf der Bühne stehend, die wohlgesinnt Zuhörenden miteinbeziehend.
Aber dass nur rund 50 Leute anwesend waren, bei vermutlich um die 3'000 Einladungen, die per Mail verschickt worden sind, zeigt auch hier: Der Stimmbürger – und vermutlich auch viele der einst Corona-aufgewachten - hat sich abgewendet, er interessiert sich nicht und vermutlich verlässt er sich darauf, dass es die Politik dann schon richte. Dazu ein Beispiel: Wenn einer oder eine einen Kühlschrank kauft, werden Preisvergleiche gemacht. Und wie ist das, wenn die Gemeindeverwaltung offen legt, wie das Budget vom kommenden Jahr aussehen soll, wie viele Tausend Franken der Einzelne an Steuern abzuliefern hat, wo die Millionen hinfliessen, dann kümmern sich lediglich 2 – 3 % der Stimmberechtigen dafür und gehen an die Budgetgemeindeversammlung, jeweils im Herbst oder kurz vor Weihnachten. Klar gesagt, wir ‘Aufbrüchigen’ sind in der Minderheit und gelten auswärts schnell mal als Störenfriede. Umso wichtiger wäre es, hier, unter uns Solidarität zu zeigen.
Und trotzdem, auch unter dem Stern der Solidarität habe ich halt ein paar kritische Gedanken zusammengetragen.
Vorerst zum Buch «Anarchie, jetzt oder nie» , geschrieben von Sophie Schindler, sage ich noch nichts, weil ich es noch nicht gelesen habe. Aber ich schildere kurz die Art der «Behandlung» dieses Themas am 2.5.26 in der Konservi in Seon, einem noch eher neuen Kulturort, den man sich merken sollte.
Stören wir uns nicht an der Uniform, mit der Schindler auftritt, Stiefel, Kopftuch und langem, gewelltem Haar, schrill-bunter Kleidung und umfassend geschminkt. Aber man denkt willkürlich an das Sprichwort: Wie aussen, so innen, also etwas gar auffallend und gewöhnungsbedürftig, vermutlich den Umgang mit dem Geltungs- und Anerkennungsbedürfnis noch schwer übend.
Die Autorin wurde uns mit markigen Worten von Prisca Würgler vorgestellt. Und so lautete auch die Einladung, die mich dann lockte, 35.—Franken zu investieren und hinzufahren, um mehr zu erfahren – zum Thema Anarchie, zumal geschrieben worden ist, dass wir darunter etwas anderes, als landläufig bekannt, zu verstehen hätten.
Zitate aus der Einladung von der Graswurzle Hauptverantwortlichen
«Denkst du auch, dass der Staat mehr Gewalt erzeugt, als er verhindert»? «Staaten führen Kriege, politische Entscheidungen werden über unsere Köpfe hinweg getroffen, und während Druck, Erpressung und Manipulation längst Teil unsres Alltags sind, verstummt die Frage ‘und wir’? «die Gewalt ist im System und wir mittendrin.» «Es geht um die Frage, was wenn Anarchie gar nicht das ist, wovor wir gewarnt werden»?
Dieser letzte Satz war für mich der Grund, um an dieser angekündigten Veranstaltung teilzunehmen. Ich wollte den Begriff Anarchie im Sinne von Schindler erweitert bekommen.
Die Veranstaltung an sich
Schindler wollte nicht eine Lesung im klassischen Sinne abhalten, sondern die Teilnehmenden miteinbeziehen. Das geschah dann auch und das Thema - wie das an solchen Veranstaltungen läuft - uferte aus und plätscherte durch Teilnehmende, die sich selber gerne reden hören belanglos und ausfransend dahin. Bis dann ein Teilnehmer aus Stallikon aufbegehrt und sagte, dass er 35.— Franken Eintritt bezahlt hätte, damit er von der Aurorin gesagt bekomme, wie sie «Anarchie» verstehe und wie dieser Begriff in Korrektur zu seinem bisherigen Begriff zu verstehen sei.
Die Autorin sagte, dass die Anwesenden weiterhin miteinbezogen bleiben sollen, dass sie aber eine Definition von Anarchie liefern werde.
Nach der Pause war es dann so weit. Sie kam auf folgende Punkte zu reden: Es geht im Umgang mit anderen um Mitgefühl, Mitmenschlichkeit, Selbstverantwortung übernehmen, wir sollten erkennen, was mit uns passiert, Netzwerke in der Nachbarschaft entwickeln, die Agora verwirklichen, als pulsierendes Herz eines Ortes der Begegnung, zusammen etwas machen… usw. usw.
Es erfolgte während 20 Minuten eine Fülle von Appellen, im selben Stil, wie der Bauer einer alten Kuh zuredet, die nicht mehr Milch geben will.
Aber Entschuldigung: Für das verwende ich nicht den Begriff «Anarchie», das was sie da vorgetragen hat ist eine Thematik auf Gemeindeebene, oder der Ebene im Rahmen gelebter Nachbarschaft. Das, was die Gemeinwesenarbeit ausmacht, genau das, was auch in unseren Breitengeraden bereits Thema seit über 50 Jahren ist, soweit ich das persönlich überblicken kann. Dem von der Autorin Gehörten sage ich im Rahmen der Gemeinwesenarbeit: ein Gemeinschaftsgefühl mit gegenseiger Hilfe und persönlicher Zuneigung zu leben. Für dieses Verhalten können viele Bezeichnungen gefunden werden, aber Anarchie wäre nach meinem Dafürhalten sicher nicht dabei.
Anarchie als Geschäftsmodell
Ich vermute, Schindler hat diesen süffigen Titel mit der Anarchie gewählt, um mit ihrem Buch Aufsehen zu erlangen. Also Anarchie als Begriff, den sie hier zum Geschäftsmodell erhoben hat. Ihr Verlag schreibt in seiner Anpreisung denn auch: «Ihr Buch ist ein Aufruf zur Freiheit, denn Anarchie ist keine Bedrohung, sondern die konsequenteste Form der Humanität und die grösste Liebeserklärung an den selbstbestimmten Menschen». Tönt gut, aber wie packen wir diese Chance? Bleibt es bei schönen Worten, oder vermögen wir zu öffnen die Pforten?
Anarchie auf Staatsebene?
Wir erinnern uns an das süffisante Einladungsschreiben zu diesem Abend, es war die Rede vom Staat , der uns ausnütze und benütze, im Rahmen der Machtausübung einiger Funktionäre und wir als Betroffene, die den ganzen Braten ohne Mitsprache zu bezahlen hätten. (Wobei diese Behauptungen zu verifizieren wären bzw. die Realität doch etwas demokratischer aussieht, als uns von der Graswurzel her geschrieben worden ist.
Inwieweit das uns Beschriebene stimme, wäre genauer zu betrachten. Und wie wir den disziplinierenden, Geld erheischenden Staat zu überwinden hätten, wie das taktische Vorgehehen da aufzugleisen wäre, darüber wurden kaum Sätze formuliert.
Mir wurde klar, dass wir in der Diskussion um die Anarchie zu unterscheiden hätten zwischen Anarchie im kleinen Kreis in unserer Umgebung einerseits und der Anarchie auf Staatsebene andererseits.
Da hätten wir zu tun, aber vielleicht unter einem anderen Titel, der Unbedarfte weniger schockiert.
Fazit. Ein interessanter Abend, aber wie wir Anarchie als Heilmittel einzusetzen vermögen, auf dass unsere Lebensqualität sich steigere und ob Anarchie ein Heilmittel auf Staatsebene wäre, diese Frage blieb und bleibt offen.