«Das Niveau an der Volksschule sinkt»
Res Schmid, der dienstälteste Bildungsdirektor, klagt über die Reformen an der Schule
ase. · Während sechzehn Jahren war
Res Schmid Bildungsdirektor des Kan-
tons Nidwalden. «Das Niveau der Volks-
schule sinkt», stellt er kurz vor seinem
Rücktritt fest. Den Grund dafür sieht
Schmid in den zahlreichen Reformen auf
nationaler Ebene. Er ist stolz darauf, dass
in seinem Kanton während seiner Amts-
zeit keine eigenständige Schulreform
durchgeführt wurde. Der SVP-Politi-
ker bedauert, dass einmal auf nationa-
ler Ebene beschlossene Neuerungen wie
der integrative Unterricht durchgezogen
würden, obwohl häufig schnell klarwerde,
dass das alte Konzept besser gewesen sei.
«Wenn man in wichtigen Fragen nicht
weiterkommt und realisiert, dass Gene-
rationen von Schülern deswegen zu kurz
gekommen sind, tut das schon weh»,sagt
Schmid im Interview mit der NZZ.
Der 68-Jährige macht die Bürger-
lichen für die sinkenden Leistungen der
Schülerinnen und Schüler mitverant-
wortlich. Die Politiker von SVP, FDP
und Mitte hätten in der Vergangenheit
das Thema Volksschule zu lange zu we-
nig beachtet und die Bildungspolitik zu
stark Rot-Grün überlassen. Schmid kri-
tisiert auch die Schulbücher, in die zu
viel Ideologie einfliesse. «Gewisse Lehr-
mittel, die versprechen, Geografie und
Geschichte nüchtern darzustellen, lesen
sich eher wie Broschüren von Klima-
aktivisten», sagt Schmid.
Die Migration stellt für Schmid eine
riesige Herausforderung vor allem für
die Lehrerinnen und Lehrer dar. Die
Integration der fremdsprachigen Kinder
sei sehr aufwendig und bremse die bis
anhin bestehende Klasse. Deshalb for-
dert er die Einrichtung von Integrations-
klassen, in denen Schüler so vorbereitet
werden, dass sie das sprachliche Niveau
A2 erreichen.
Aus der NZZ vom 28.4.2026:
Schweiz
«Wir halten an verblendeten Systemen fest»
16 Jahre lang hat der Nidwaldner Erziehungsdirektor Res Schmid gegen eine ideologisierte Schule gekämpft. Nun tritt er ab. Im Gespräch mit Erich Aschwanden und Sebastian Briellmann sagt er, die Bürgerlichen seien schuld daran, dass die Bildung fest in rot-grüner Hand sei.
Herr Schmid, Ende Juni treten Sie nach
16 Jahren als Erziehungsdirektor des
Kantons Nidwalden und als amtsältes-
ter Bildungsdirektor der Schweiz ab.
Haben Sie versagt?
Auf eine gewisse Weise: ja.Ich habe zwar
einige Dinge verändern können, aber
längst nicht alle, die ich wollte.In der Bil-
dungspolitik ist so vieles festgefahren,
dass man nicht alleine etwas umsetzen
kann.Als Politiker in diesem Land kannst
du jedoch nicht diktatorisch auftreten.
Wir fragen, weil all das, was Sie kritisie-
ren, noch immer Bestand hat.Integrative
Schule, zwei Fremdsprachen in der Pri-
marschule, Gendersprache . . .
Das stimmt – und ist nach so langer Zeit
imAmt enttäuschend.Meine grundlegen-
den Überzeugungen sind in den 16 Jahren
dieselben geblieben. Wenn man in wich-
tigen Fragen nicht weiterkommt und rea-
lisiert, dass Generationen von Schülern
deswegen zu kurz gekommen sind,tut das
schon weh.Das Niveau an denVolksschu-
len sinkt. Dabei ist Bildung unser Funda-
ment. Ein Land, eine Gesellschaft funk-
tioniert nur so gut, wie es das Bildungs-
system tut. Wir waren einmal an der
Spitze. Das sind wir nicht mehr. Das kann
doch nicht das Ziel sein.
Warum haben Sie keine Mehrheiten für
Ihre Anliegen gefunden?
Das Bildungssystem ist in den Händen
von Links-Grün. Und daran, das ist mir
wichtig zu betonen, sind vor allem wir
Bürgerlichen schuld. Werden Politiker
in Ämter gewählt, heisst es: Du bist von
den Grünen oder von der SP – dann
kümmere dich um Bildung oder Ge-
sundheit. Was können wir dann erwar-
ten? Es ändert sich jetzt ein bisschen
etwas, aber es ist sehr spät.
Wo ist eine Korrektur besonders drin-
gend?
Bei der integrativen Schule. Diese
Pseudochancengleichheit, nach der alle
gleich unterrichtet werden müssen,scha-
det letztlich allen. Im Klassenzimmer
herrscht teilweise Chaos, es ist ein stän-
diges Geläuf. Gerade Kinder mit einer
Behinderung brauchen jedoch viel mehr
Aufmerksamkeit. Diese erhalten sie nur
in separaten Klassen. Heute werden wir
dem Anspruch nicht mehr gerecht, dass
jeder Schüler das Recht auf eine gute
Ausbildung hat. Dies, weil wir ideolo-
gisch verblendet an Systemen festhalten,
die gut klingen, unseren Kindern jedoch
nichts bringen. Im Gegenteil.
Warum wehren sich die Lehrerinnen
und Lehrer, die Ihrer Meinung nach
völlig überlastet sind,so vehement gegen
Reformen in diesem Bereich?
Das integrative System ist nach wie vor
eine heilige Kuh, und ich bin die falsche
Person, die es zu hinterfragen wagt.
Ich habe keine pädagogisch-didakti-
sche Ausbildung und bin für die Lehrer
ein Ex-Militarist, obwohl ich als F/A-
18-Testpilot zivil angestellt war. Und ich
habe das falsche Parteibuch.
In den Streit um die integrative Schule
hat sich auch die Uno eingeschaltet. Der
Ausschuss für Kinderrechte hat sich der
Beschwerde einer Familie aus dem Aar-
gau angenommen. Die Familie möchte
ihre Tochter mit Behinderung in die
Regelschule schicken. Was würde es be-
deuten, wenn die Uno der Schweiz in
diesem Fall Vorschriften machen würde?
Der Streit ist die Folge eines Missver-
ständnisses. Das von der Uno gemeinte
General Education System schliesst
die Inklusionsmassnahmen ein, die das
Schweizer Schulsystem bereits heute bie-
tet.Würde die Uno tatsächlich ein inter-
national gültiges Urteil fällen, würde die
Eigenständigkeit des Schweizer Schul-
systems infrage gestellt. Ich habe mei-
ner Aargauer Amtskollegin und Partei-
freundin Martina Bircher daher gesagt,
dass sie keinesfalls nachgeben darf.
Bundesrat Beat Jans und viele Bildungs-
experten sehen dies anders.
Ich hoffe, dass Martina Bircher stark
bleibt und von der Regierung unter-
stützt wird. Dann muss auch der Bundes-
rat Rückgrat zeigen und darf sich nicht
von einem internationalen Gremium in
unser Bildungssystem hineinreden las-
sen.Alles andere wäre eine Katastrophe.
Sie haben einmal gesagt: «Ich bin seit
vielen Jahren ein einsamer Rufer in der
Wüste.» Warum sind Sie so lange geblie-
ben, wenn es so frustrierend ist?
Weil Bildung das wichtigste Thema ist.
Nur deshalb bin ich in die Politik gegan-
gen. Und weil ich ja durchaus Dinge be-
wegen konnte. Kinder gehen etwa vier
Monate später in die Schule. Die Kin-
dergärtnerinnen danken es uns, die
Eltern auch.Ausserdem habe ich Noten
wieder ab der dritten Klasse eingeführt.
Bis zu meinem Amtsantritt war erst ab
der fünften Klasse benotet worden. Mir
wäre die zweite Klasse noch lieber ge-
wesen, aber immerhin. Die Kinder wol-
len ja auch gemessen werden. Sie wissen
genau, wer gut ist und wer nicht. Auch
habe ich in Nidwalden das lautgetreue
Schreiben unterbunden.
Sie nennen das Schreiben nach Gehör
einen «Unsinn».
Ja, das ist es ja auch. Wenn ich in die
Schulen gehe und mir die Hefte der
Schüler anschaue, sehe ich desaströse
Fehler – von Kindern in der fünften oder
sechsten Klasse. Das sind keine Schreib-
fehler, das ist bewusstes Nichtwissen. In
Deutschland hört man jetzt damit auf.
Warum wir nicht? Meines Wissens bin
ich der einzige Bildungsdirektor, der
eine solcheWeisung herausgegeben hat.
Der Widerstand gegen solche Aktionen ist
jedoch gross.In der Konferenz der kanto-
nalen Erziehungsdirektoren (EDK) sind
Sie ein Aussenseiter geblieben.
Tatsächlich sind wir als Bürgerliche dort
in der Minderheit. Als ich angefangen
habe, wurde der neue Lehrplan 21 fina-
lisiert. Ich sagte: Bei mir in Nidwalden
schaffe ich sicher nicht die Fächer Geo-
grafie und Geschichte ab, die im Monster-
fach Natur,Mensch, Gesellschaft (NMG)
aufgehen sollten. Da wurde ich belächelt,
und es wurde mir gesagt: Du bist halt
noch nicht lange dabei, du verstehst es
noch nicht. Heute unterrichten wirimmer
noch Geografie und Geschichte. Und
mancher blickt neidisch nach Nidwalden.
Sperrt sich die EDK gegen mehr Kor-
rekturen im Bildungssystem?
Sagen wir es so:Ich merke dort am meis-
ten, dass ich für Bildungspolitik in der
falschen Partei bin. Was aus der SVP
kommt, kann nicht gut sein. Natürlich
hat jeder Kanton eine Stimme, wodurch
auch die kleinen Kantone eine gewisse
Wirkungsmacht erhalten.Aber wenn die
Grossen zusammenspannen, haben wir
keine Chance.
Der Walliser EDK-Präsident Chris-
tophe Darbellay oder Silvia Steiner aus
dem grossen Kanton Zürich sind Mitte-
Politiker, also auch Bürgerliche.
Manchmal fehlt die Erkenntnis, auch bei
Bürgerlichen, wie gross der Handlungs-
bedarf wäre. Und wenn dieser erkannt
ist, fehlt oft der Wille, sich aufzuleh-
nen, unbeliebt zu machen. Viele Politi-
ker denken oft nur an die nächste Wahl.
Hinzu kommt:Wir sehen nicht nur beim
Bund, dass dieVerwaltung den Departe-
mentsvorsteher führt – und nicht umge-
kehrt. Ich habe mich auch schon einmal
von einer Amtsleiterin getrennt, weil
sonst gegeneinander gearbeitet worden
wäre. So kommt man nicht weiter.
Beten Politiker nicht einfach nach, was
aus den Pädagogischen Hochschulen
(PH) kommt?
Das ist ein Problem. Ein Beispiel: Als
wir den Lehrplan 21 eingeführt haben,
habe ich festgestellt: Da ist enorm viel
Gendersprache drin. Ich musste inter-
venieren, damit das etwas abgeschwächt
wird. Niemand sonst hat reagiert. Es
kann doch nicht sein, dass die PH so viel
Macht haben – und wir ihnen nicht auf
die Finger schauen.
Sie sind frei, das zu machen.
Ich habe das immer wieder angemerkt.
Die PH sind ideologisch klar links, das
ist historisch so gewachsen. Man kann
den PH keinen Vorwurf machen, es hat
sich ja niemand beschwert. Daran sind
auch hauptsächlich wir Bürgerlichen
selbst schuld.
Was wäre zu tun?
Die PH brauchen Praxisnähe.Wer Leh-
rerin werden will, muss wissen, wie man
mit einer Klasse umgeht. Man befindet
sich in einem Elfenbeinturm. Theore-
tische Anleitungen über Genderfluidi-
tät bringen dich im Zweifel im Schul-
zimmer weniger weit als eine kompe-
tente Klassenführung.
Wirklich Erfolg hatten Ihre Interventio-
nen nicht, es hat sich wenig verändert.
Das ist nicht zu bestreiten. Heute sehen
wir die Ideologie sogar in vielen Lehr-
mitteln. In der Physik werden Raketen,
Autos und Flugzeuge nicht als solche ge-
zeigt,so als wären sie das Böse.Und man-
che NMG-Lehrmittel, die ja versprechen,
auch Geografie und Geschichte nüchtern
darzustellen,lesen sich eher wie Broschü-
ren von Klimaaktivisten. Von AKW, die
bei uns noch im Einsatz sind, ist nichts
mehr zu sehen.Ist das noch neutral?
Sind die Probleme des Bildungssystems
nicht auch eine Folge gesellschaftlicher
Entwicklungen? Ein Beispiel ist die Zu-
wanderung. Die Kantone mit grossen
Städten können nicht das leisten, was
im beschaulichen Nidwalden noch geht.
Die Migration stellt tatsächlich eine
riesige Herausforderung dar. Die vie-
len Kinder, die mit ihrer Familie neu in
die Schweiz kommen, gehen am nächs-
ten Tag bereits in die Schule. Die Inte-
gration des fremdsprachigen Kindes ist
aufwendig und bremst die bestehende
Klasse. Deshalb fordere ich die Einrich-
tung von Integrationsklassen, in denen
die Schüler so vorbereitet werden, dass
sie das sprachliche Niveau A2 erreichen
und anschliessend die Regelklasse besu-
chen können. Die Kinder verlieren da-
durch vielleicht ein Jahr, aber was ist ein
Jahr im Leben eines Kindes?
Die Schulen reagieren auf gesellschaft-
liche Veränderungen zunehmend mit
restriktiven Massnahmen. Nidwalden
hat als erster Kanton ein Handyverbot
an allen Schulen eingeführt. Bewährt
sich diese Massnahme?
Sämtliche Rückmeldungen sind positiv.
Für viele Schulleitungen ist dies nichts
Neues, da sie bereits zuvor ein Handy-
verbot kannten. Sie sind froh, dass der
Umgang mit den Smartphones nun ver-
einheitlicht wurde. Inzwischen haben ja
andere Kantone nachgezogen.
Auf nationaler Ebene gibt es Bestrebun-
gen, die Nutzung von Social Media bis
zu einem gewissen Alter zu verbieten.
Was halten Sie von dieser Forderung?
Die Absicht, Kinder in einem gewissen
Alter vor Gewalt, Pornografie und ande-
ren schädlichen Inhalten sozialer Netz-
werke zu schützen, ist gut. Doch wie soll
ein solches Verbot durchgesetzt werden?
Australien ist das erste Land, das eine
Altersbeschränkung von 16 Jahren für
Social Media eingeführt hat. Von dort
hört man jedoch,dass Kindertrotzdem an
alle Inhalte der Plattformen gelangen. Es
besteht die Gefahr, dass die Politik eine
Pseudomassnahme einführt, die nichts
bringt. Letztlich liegt es an den Eltern.
Ich sehe das bei meinem Enkel. Er ist
elf Monate alt und will sofort auf diesen
«Saukasten» schauen, wenn ich ihn in die
Hand nehme. (lacht) In seiner Anwesen-
heit muss ich mich selbst disziplinieren.
Mussten Sie das auch einmal als Bil-
dungsdirektor tun – und Dinge im
Nachhinein anders machen?
Der Hype um die Digitalisierung war
übertrieben. Zwar muss man mit dem
Computer umgehen können, doch die
Schule sollte sich auf die Vermittlung
der Basisfähigkeiten beschränken.Alles
andere ist Spezialistentum, das man spä-
ter in der Lehre oder im Studium erler-
nen kann.Es wäre jedoch fatal,wenn das
Schreiben von Hand und das manuelle
Darstellen generell verlorengingen.
Doch diese Gefahr besteht.
Kurz vor Ihrem Rücktritt sind Sie als
Mitglied der Gruppe «Wendepunkt Bil-
dung» noch einmal an die Öffentlich-
keit. Was wollen Sie damit erreichen?
Wir sind eine heterogene Gruppe von
SVP bis SP, die eine Rückbesinnung auf
alte Erfolgskonzepte fordert. Früher war
zwar nicht alles besser, aber man muss
sich wieder stärker auf die Vermittlung
der Grundkompetenzen konzentrieren.
Nicht alle werden daran Freude haben,
aber wir hoffen, einen Impuls auszulösen.
Nach meinem Rücktritt werde ich mich –
nach dem Motto «Schnauze, Bello, wenn
du nicht mehrimAmt bist» – jedoch nicht
mehr zu Bildungsfragen äussern. ZuThe-
men, die das Land entscheidend prägen –
beispielsweise die Neutralität und die
EU-Verträge –, werde ich mich aber be-
stimmt äussern, wenn ich gefragt