Behörden sind freundlich zu uns und geben vor, unsere Freude und verantwortungsvolle Helfer zu sein. Das ist möglich und das können wir da und dort erleben, aber leider eher selten, denn die Behördenmitglieder, die weiterhin auf unserer Seite stehen werden in Behördenkreisen schnell einmal aussortiert. Die merken die Isolation und treten spätestens nach einem Jahr zurück mit der Begündung, beruflich überlastet zu sein, familiäre Gründe angebend, oder gar wegen Wegzug aus der Gemeinde.
Die Fälle Cran Montana vom 1.1.2026 mit 41 Toten und der Fall der Uni-Herzklinik Zürich mit zugegebenen 70 Toten (2017 - 2020/22) brachten ein hoch bedenkliches Behörden-Zauder-Verhalten (bei zugleich Abkassieren hoher Hornorare), an den Tag, das Modellcharakter hat. Der Journalist Zeyer hat diese Mechanismen in klaren Worten herausgearbeitet, die wir Ihnen hier wiedergeben.
Herzskandal: Too Big to Fail
Zuerst Weisswäscherei, dann allgemeine Betroffenheit
Jahre später: Ist die Schweiz unfähig, mit grossen Skandalen umzugehen?
10.5.2026 René Zeyer
René Zeyer ist Journalist. Er betreibt das Medienportal Zackbum.ch.
Die Katastrophe von Crans-Montana könnte man noch als Ausdruck der Walliser Copain-Unkultur abtun.
Aber der Skandal um den Herzchirurgen Francesco Maisano und sein untaugliches Cardioband zeigt bislang, dass auch hier alle staatlichen Instanzen unfähig zur Bewältigung sind.
Von den Medien, mit wenigen Ausnahmen, ganz zu schweigen. Wie der „Tages-Anzeiger“ Regierungsrätin Natalie Rickli Gelegenheit zur Reinwaschung gibt („Wir haben alles gemacht, was möglich war“), ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten. (Von dieser gelernten Inserateverkäuferin, die 2027 nochmals kandidieren wird, geben wir zu gegebener Zeit noch einige Aperçus weiter.)
Dabei ist der Operations-Skandal sogar filmisch dokumentiert. 2017 wollte der Arzt Maisano, dem zwar im Eilverfahren ein Professorentitel verliehen wurde, der aber nicht mal über den Doktortitel verfügt, bei laufender Kamera des Schweizer Fernsehens zeigen, wie toll sein Cardioband funktioniere.
„Nicht gut“, sagte der Operateur stattdessen, nach dem Einsetzen war die undichte Stelle noch grösser geworden, musste anschliessend mit zwei Clips verschlossen werden.
Bei einem anderen Patienten rollten in der Herzkammer zwei Schrauben herum, die sich aus dem Muskelgewebe gelöst hatten.
Unverantwortlich, wer das zulässt. Fahrlässig und unfähig, wer die wohldokumentierten Hinweise eines Whistleblowers ignoriert und ihn gar entlässt.
Besonders fragwürdig war es zu akzeptieren, dass der umtriebige Professor während seiner Zeit in Zürich mit dreizehn Unternehmen Beraterverträge hatte. Der Verkauf seines Cardioband-Patents an eine US-Firma gerät zum Desaster.
Von vereinbarten bis zu 690 Millionen US-Dollar werden 340 upfront bezahlt. Der Rest sollte später fliessen.
Das reicht, um den Beutelschneider zum Millionär zu machen.
Geldgier, Drang nach Selbstdarstellung, Missmanagement, der Einsatz von untauglicher Technologie aus Eigeninteresse:
Seit dieser dokumentierten Fehloperation im Jahr 2017 sollte allen Kontrollinstanzen klar geworden sein, dass hier dringender Handlungsbedarf besteht.
Ende 2019 meldet sich der Wihstleblower mit gravierenden Vorwürfen. Und was passiert? Ein Anwaltsbüro verfasst ein Weisswäscher-Gutachten, ein PR-Büro bearbeitet die Medien, die teilweise auf die Beschönigungen und die Darstellung des Professors als armes Opfer von Intriganten hereinfallen.
Mehr als sechs Jahre lang tun alle Aufsichtsbehörden bis hinauf zum Regierungsrat nichts anderes als abwiegeln, den Deckel draufhalten, beschönigen, die Sache mit dem Abgang des Professors als erledigt betrachten.
Beste Vogel-Strauss-Politik durch sämtliche Instanzen.
Mit an Bord sind auch die Strafverfolgungsbehörden. Das Zürcher Obergericht untersagt es der Ermittlungsbehörde mehrfach, eine Strafuntersuchung gegen den Beamte zu eröffnen.
Nicht freiwillig, sondern unter öffentlichem Druck wird ein weiteres Gutachten in Auftrag gegeben. Über Jahre hinweg lautet dann die Verteidigungslinie:
Bevor die Resultate vorliegen, können wir leider nichts dazu sagen, wir wollen ihnen nicht vorgreifen.
Zeit genug für alle Verantwortlichen, sich eine Verteidigungsstrategie zurechtzulegen, wenn die Bombe dann mal explodiert.
Ihre Bestandteile sind seit dem Erledigen des ersten Skandals in einer einigermassen freiheitlichen Gesellschaft bekannt und immer die gleichen.
Man ist „tief betroffen“, gar „erschüttert“, findet fast keine Worte, drückt allen Betroffenen (oder ihren Hinterbliebenen) das tiefempfundene Beileid aus.
Irgend ein armes Schwein muss sich sogar mit brechender Stimme entschuldigen.
Auf der anderen Seite konnte man das ja nicht ahnen, hat niemand nichts gewusst, wird vor Vorverurteilungen gewarnt, soll nun die strafrechtliche Aufarbeitung abgewartet werden, bevor es zu vorschnellen Anschuldigungen komme.
Bis dann alle Beteiligten abgetreten, pensioniert, in die Verjährung gerettet oder tot sind.
Die oberste Verantwortliche für diesen grössten Medizinskandal der Schweiz hat sogar die Stirn, während eines Rechtsfertigungsinterviews anzudeuten, dass sie sich durchaus eine Kandidatur als Bundesrätin vorstellen könne.
Bevor auch dieser Skandal im Nebel des Vergessens verschwinden wird, sei eine Frage gestellt: Ist die Schweiz in der Lage, ihn angemessen zu verarbeiten?
Die Antwort ist ein klares Nein.
Es wird – auf Kosten des Steuerzahlers – Entschädigungen geben. Dem Whistleblower wird nicht einmal eine anständige Wiedergutmachung für die Vernichtung seiner Karriere gewährt.
Es wird zum x-ten Mal behauptet werden, dass inzwischen alle organisatorischen Vorkehrungen getroffen worden seien, um eine Wiederholung zu vermeiden.
Zweite Frage: Wird irgend jemand ernsthaft strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden, von den Chirurgen abwärts und aufwärts? Wird es Rücktritte, beendete Karrieren, finanzielle persönliche Verantwortlichkeiten geben?
Auch hier ist die Antwort ein klares Nein.
Die Phalanx der Komplizenschaft von Staatsbehörden mit ihren politischen Führern, die bürokratisch organisierte Verantwortungslosigkeit ist Too Big to Fail, Too Big to Jail.